Warum man nicht auf Postwurfzeitungen reagieren sollte Es war der Sonntag vor der letzten Examensklausur. Meine Mutter unterbrach meine letzten aktualisierenden Recherchen im Internet mit einem tollen Angebot: "Willst Du heute nachmittag was unternehmen, was überhaupt nichts mit Deinem Studium und der Klausur zu tun hat?" … Hm, ja. Wieso nicht?! Was denn? "Da findet eine Blumenausstellung statt, auf der ganz viele Liliensorten gezeigt werden." Meine Assoziation war sowas wie die Landesgartenschau oder so. Ein riesiges Gelände mit tausenden Blumenbeeten, u.a. Lilien, total einfallsreich angeordnet. Nicht, dass ich jetzt totaler Blumenventilator bzw. -fan wäre, aber wenn sich Menschen Mühe geben, Pflanzen dekorativ anzuordnen, ist das doch sehr wohltuend fürs Auge – gerade wenn es zuvor wochenlang nur Lehrbücher ansehen durfte. | ||
![]() Mit einem modischen Koffer voll guter Erwartungen eilte ich zur nächstbesten Blumenschau. |
Ich stellte mir vor, wie wir an diesem heißen Sommernachmittag durch die parkähnliche Landschaft schlendern würden und fand plötzlich großen Gefallen daran, gleich noch in eine Rolle zu schlüpfen. Also schlug ich vor, dass wir uns total übertrieben aufbrezeln. Ich mit meinem Sixties-Style Cocktailkleid, dazu der große weiße Krempenhut und die rote Sonnenbrille. Meine Mutter sollte sich auch irgendwas auffälliges, sommerliches anziehen. Ich wollte, dass wir auf dieser Ausstellung wie zwei betuchte Damen rumspazieren und hin und wieder pikiert über den Pöbel reden. Gesagt, getan. Also die Schlumperklamotten gegen den "Edelstrick" eingetauscht, Fotoapparat geschnappt und rein ins Auto. Wir fuhren so über die Landstraßen und bewunderten die Alleen und Dörfer. In Werneuchen sollte die ganze Sache stattfinden. Ich dachte immer Werneuchen wäre eine Kleinstadt, ist es irgendwie auch, aber doch ganz schön verträumt. Vor Ort stellte sich raus, dass wir uns doch erstmal durchfragen müssen, weil nichts ausgeschildert war. Das wunderte mich nicht allzu sehr, denn meine Mutter hatte mir mittlerweile ausführlich von dem Zeitungsartikel berichtet, in dem sie die Ankündigung gelesen hatte. Sie wusste aber nicht, was der Eintritt kosten würde. | |
Als ich dann im Auto die Zeitung und die Überschrift sah, wurde mir einiges klar und ich dachte ernüchtert: Naja, dann schaun wa mal. "Tag der offenen Gartentür" war die Überschrift. Was soviel heißt: Es handelt sich NICHT um eine große Ausstellung, sondern um irgendjemanden, der zufällig einen Garten hat, der wohl besonders sehenswert ist. Sowas kannte ich schon aus Umweltverbandszeitungen. Aber hey: Keine Vorurteile. Kann ja sein, dass es wirklich ein echt geiler Garten ist. Total groß und voller
Bäume und total schön. So ein Privatgarten kann auch was hermachen, wenn man ein guter Gärtner ist oder einen hat. Die "offene Gartentür" signalisierte schonmal kostenlosen Eintritt, was ja auch nicht zwangsläufig minderwertige Qualität bedeutet. Nun ja, da waren wir nun also in Werneuchen angekommen und suchten den Garten mit seiner offenen Gartentür. Meine Mutter fragte in der Tankstelle nach dem Weg, während ich im Auto die Zeitung nochmal genauer studierte. Abgesehen von schlimmen Rechtschreibfehlern bekam ich immer mehr Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, auf eine Postwurfzeitung mit komischer Farbgebung und furchtbarem "Layout" reagiert zu haben. Als wir die Nebenstraße einer Nebenstraße einer Nebenstraße, in der sich die offene Gartentür befinden sollte, dann gefunden hatten, war uns schon ganz schön warm von der Nachmittagshitze. Ganze zwei (!) Autos parkten vor dem Grundstück. Immerhin, wir waren nicht allein in der Höhle des Löwen bzw. der Peinlichkeit. Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass wir noch immer die aufgebrezelten Damen waren, denn uns war erst während der Fahrt klargeworden, was wir hier taten. Die offene Gartentür … war zu. Wenn auch nicht abgeschlossen, immerhin. Ich bemerkte, dass ich doch schon im fortgeschrittenen Stadium sarkastische Gedanken hegte und zwang mich zu Freundlichkeit. Die Herren des Hauses und Gartens waren gerade mit anderen Besuchern auf Blumenschau. Sie trug ein ärmelloses rosa Shirt zu einer weißen Hose, er ein Baumwollripphemd zu blauer Hose. Zumindest in meiner Erinnerung. Aber man kann sich sicher vorstellen, was zwei alteingesessene Brandenburger um die 50 Jahre an einem heißen Sommer-Wochenende im eigenen Garten anhaben. Vielleicht färbte mein Kleid auf meine Einstellung ab, aber ich fand: "Ich bin zu gut für diesen Ort". Die anderen Gäste verabschiedeten sich und die ganze Aufmerksamkeit kam uns entgegen. Zugegeben, der Mann hatte schon viel Ahnung von seinen Blumen, wusste viel zu berichten über die Bestäubung und Blüh-Eigenschaften. Aber die ganze Aufmachung entsprach einfach nicht meinen Vorstellungen von einer "Blumenschau". Man muss sich den Ort so vorstellen: Ein durchschnittliches Grundstück mit einem zweigeschossigen Haus genau in der Mitte. Ringsherum um das Haus führte ein Steinweg, der wiederum hier und da an Lilienbeete grenzte. Manchmal aber auch an Bohnenbüsche oder kleine Holzverschläge. Hinterm Haus war die Hälfte der Gartenfläche mit einer Art Scheune vollgestellt, die andere Hälfte teilten sich ein altes Gewächshaus und ein großes Beet mit diversen Liliensorten. Man konnte zwar darin umherschlendern und es gab auch Namensschilder, aber es war halt ein einfaches Beet mit kleinen Trampelpfaden. Vor dem Haus gab es auch eine größere Gartenfläche. Diese war dreigeteilt von den zwei Enden des Haus-Umrundungsweges. Links blühten Bohnen und sprossen Zwiebeln, rechts standen eine Garage und ein alter Hundezwinger, der offenbar nicht mehr dem Hund diente, sondern ein Abstellplatz war für Dinge, die "man bestimmt nochmal gebrauchen kann". Auf der Mittelfläche vorm Haus war auch wieder ein großes, sandiges, trampelpfadiges Liliensorten-Beet. Die Blumen waren auch sehr hübsch, aber da jede Pflanze mehrere Knopsen hat, die jeweils nur einen Tag wirklich blühen, sah es auch alles irgendwie "wie gewollt und nicht gekonnt" aus. Warum hatten die Besitzer nicht die verblühten Blüten abgemacht? Wieso musste dieser Anblick verklärt werden? | ||
Ich war entnervt, mir war heiß, ich fühlte mich noch immer zu gut für diesen Ort und zugleich ganz schlecht darüber, dass ich das alles nicht entzückend und bezaubernd finden konnte. Aber es war eben nicht meine erhoffte Blumenausstellung, sondern ein stinknormaler Privatgarten mit ein paar Blumen im Beet. Selbst ein normaler Garten- und Pflanzencenter ist besucherfreundlicher eingerichtet. Ich drängte zum Aufbruch und meine Mutter suchte sich drei Pflanzen aus, die sie mitnehmen wollte. Alles schien sich zu lösen, doch dann bat uns der Lilienmann an die noch immer gedeckte Tafel, die für die vielen Gäste vorgesehen gewesen war. Es gab Kaffee. Und Süßstoff. Und Apfelkuchen vom Blech. Ich lehnte – überwältigt von der Vielfalt der Auswahl – dankend ab. Meine Mutter hingegen rang sich einen Freundschaftskaffee ab. Und nun saßen wir da mitten in der prallen Sonne, denn diese wandert im Gegensatz zu der Kaffeetafel im Laufe des Tages ums Haus herum. Der Lilienmann und seine Frau freuten sich, endlich mal sitzen zu können. Herr Lilie berichtete von der Lokalzeitung, die sich nicht zu einem Artikel hatte hinreißen lassen, lobte aber dafür die Postwurfzeitung, die immerhin einen kleinen Bericht gedruckt hatte. Welch ein Glück. Er erzählte, dass die Lilien halt nur in seinen drei Urlaubswochen zu besichtigen seien und dass er ansonsten irgendwo irgendwas arbeitet. |
![]() Mir war klar, meine Erwartungen konnte ich zur Büchse ins Korn werfen … | |
Irgendwann schafften wir den Absprung. Nach einem unverbindlichen "Auf Wiedersehen" musste mich zwingen, nicht zur Gartentür zu rennen. Die Rückfahrt war eine Erholung für mich. Endlich weg von diesem Ort. Bei aller Liebe. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so gegangen wäre wie mir. Ich weiß nicht, ob es wirklich am Kleid lag. Oder ob ich einfach nicht mehr Dinge tun sollte, die Postwurfzeitungen anpreisen.
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– gea – |
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(August 2007) |
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