Glasgower Tamponspiele Vor nunmehr 6 Jahren begaben sich Gea und ich auf einen abenteuerlichen Rucksacktrip durch die faszinierende Welt des großen britannischen Königreiches. Der grobe Plan sah vor, in knapp zwei Wochen so viele interessante Orte wie möglich auf dieser Insel zu besuchen und die Nächte im mitgeschleppten Zelt zu verbringen, um das Reisebudget zu schonen und unserem Ideal der entspannten „Mal gucken, wohin es uns verschlägt!"-Mentalität Genüge zu tun. | ||
![]() |
Unser Weg sollte uns dann natürlich auch nach Schottland führen, da ich schon zum damaligen Zeitpunkt eine gewisse Schwäche für dieses Land hatte. Also brachen wir nach wenigen Tagen in London gen Norden auf. Geas Schwester und deren Freund fuhren uns bis nach Birmingham – einer Stadt, die auf jeden Fall hält, was sie verspricht. Schon beim Hineinfahren ins Stadtinnere denkt man nur: Bäh, was soll das denn bitte sein?! Man spürt instinktiv, dass man diesen Ort hassen muss. Und tatsächlich, man wird auch nicht enttäuscht. Nachdem es keine Bustickets für den Nachmittag mehr gab, sahen wir uns leider gezwungen, einige ungewollte Zwangsstunden dort zu verbringen. Am Ende saßen wir dann im kargen Warteraum eines hässlichen Busbahnhofs einer noch hässlicheren Stadt und kotzten dementsprechend ab. Die lästige Warterei gepaart mit immer stärker werdender Müdigkeit konnte nur noch von der tödlichen Kombination „widerlich stinkendes Bohnerwachs meets Michael Jackson Musik“ getoppt werden. Mein geplagtes Herz machte daher natürlich einen Sprung als Gea mir entnervt zumurmelte: „Gott, ich hasse Birmingham – was für'n Scheißort!“ Wir beide teilten die Ansicht, dass man diese Stadt so schnell wie nur irgend möglich verlassen und ja nie wieder herkommen sollte. Diese Haltung hat sich übrigens bis heute nicht geändert … | |
| Das ungeahnte Ziel: die Glasgower Tamponspiele | ||
Die Götter mussten uns jedenfalls erhört hatten, denn ein eigentlich vollbesetzter Bus nach Glasgow hatte durch das Fehlen der Passagiere plötzlich zwei Plätze frei. „Schnell, schnell!“, rief uns der Busfahrer entgegen. Er schmiss unsere Rucksäcke in Windeseile in den Laderaum und scheuchte uns auf die Sitzplätze. Während der Bus dann zügig durch nächtliche Straßen kurvte, hielt ich trotz meines übermüdeten Zustands noch einen von Herzen kommenden Stinkefinger gen Birmingham hoch. Vor uns lag nun eine stundenlange Fahrt, die wir größtenteils schlafend verbringen wollten. An Manchester kann ich mich noch vage erinnern, da von Tiefschlaf natürlich keine Rede sein konnte. Alles in allem konnte man von Glück reden, wenn man ab und an ein bisschen wegdöste. Als wir dann endlich dabei waren, die schottischen Gefilde zu erreichen und sich zeitgleich der anstehende Sonnenaufgang ankündigte, geriet ich in eine mittelschwere Krise: Während mein gesamter Körper schwerfällig Richtung Schlafposition strebte, wollte meine vorfreudige Seele unbedingt wach sein und die ersten Hügellandschaften in zarten Sonnenaufgangstönen betrachten. Im Endeffekt klebte mein Oberkörper am Fenster, während ich meine Augen alle zwei Minuten öffnete, um wenigstens für die darauf folgenden 15 Sekunden selig schmachten zu können. Um etwa 6 Uhr morgens kam der Bus dann schließlich auf dem Busparkplatz zum stehen. Die alte Rampensau von einem Busfahrer scheuchte und schmiss auch dieses Mal auf typisch britische Art. Da standen wir nun … mehr schlecht als recht und hatten im Grunde gar keinen Plan. Dafür stand allerdings fest, dass wir beide total übermüdet waren und daher eine geradezu gemeingefährliche Laune hatten. Die Straßen waren leergefegt, es war saukalt (Schlafentzug macht aus simpler Kälte zwangsläufig Saukälte), wir konnten den Stadtplan durch die akute Augenaufhalt-Schwäche kaum logisch auseinanderklöppeln und im Grunde wollten wir uns eigentlich nur gegenseitig anschnauzen. Trotzdem schafften wir es doch noch, Anschnauzen und Orientieren unter einen Hut zu bringen. Wir fanden die nahe gelegene Bahnstation, freuten uns für circa 5 Minuten bis uns schließlich dämmerte, dass an einem Sonntag um halb 7 Uhr morgens keine Glasgower Bahnen fuhren. Also wieder raus und weitergeflucht. Unser Orientierungssinn führte uns daraufhin nach rechts auf eine Art Rathausplatz mit schickem Springbrunnen in der Mitte. Nachdem wir uns zu eben diesem Brunnen geschleppt hatten und Gea neben mir den Stadtplan auf ein Neues zu dekodieren versuchte, erklang plötzlich freundliches Gebrabbel neben uns. Wir hatten den Herrn in mittleren Jahren gar nicht auf uns zukommen sehen, aber da stand er nun – und sprach in einem Dialekt, der einem die Schuhe auszog. Er lächelte und brabbelte zügig vor sich hin, während Gea und ich ihn verständlicherweise nur kommentarlos anglotzten. „Was sagt er?“ – „Weß och nich …“ Da der Mann direkt neben mir stand und sich Gea lieber wieder der Stadtkarte zuwandte, fiel mir die Konversation zu. Erstmal einordnen!, gebar mir mein trüber Geist. Aha, ein obdachloser Trinker. Ok, jetzt zuhören! … | ||
„Blah … blah … Kommt ihr von hier? … blah blah.“ „Ähm, nein. Wir sind aus Deutschland und eben erst angekommen – und wir wissen gerade überhaupt nicht, wo wir sind.“ „Oh, ihr seid in Glasgow. Blah blah. Wart ihr schon mal in Schottland?“ „Nein, das ist das erste Mal. Ähm … scheint aber ein sehr schönes Land zu sein.“ „Na, da bin ich ja dann der Erste, der euch hier in Schottland offiziell begrüßen darf!“ Damit hatte er mich natürlich sofort auf seiner Seite, denn ich fand es einfach toll, auf so freundliche und doch unkonventionelle Art in einem fremden Land begrüßt zu werden. |
![]() | |
Glasgow – für Touristen eine echte Orientierungsfalle … | ||
Nach einigem Hin und Her schafften wir es dann schließlich auch zum Campingplatz. Mit letzter Kraft bauten wir das Zelt auf und pennten dann bis in die späten Nachmittagsstunden. Beim Zubereiten des Abendmahls (abartiges braunes Toastbrot mit noch abartigerem Cheddar) einigten wir uns darauf, auch den morgigen Tag ganz entspannt zu verbringen. Als Gea den „Lonely Planet“ in Sachen Glasgower Highlights (Postamt, Campingladen etc.) durchlas, zog sie nach einer Weile die Stirn kraus, zeigte auf einen Punkt auf der Stadtkarte und meinte zu mir: „Weißt du, wie das ausgesprochen wird? Ist das so was wie ‚Buch-ann-änn’?“ Ich starrte auf den Straßennamen und geriet in die gleiche Verwirrung. „Keine Ahnung. Vielleicht muss man das etwas schottiger aussprechen. ‚Bach-ann-änn’ oder so?“ Aber Gea war noch nicht zufrieden. „Oder ‚Batsch-ann-änn’!“ Fürs erste sollte dieses Mysterium aber ungelöst bleiben. Um derweil Langeweile zu vermeiden, kam ich auf die Idee, ein Spiel zu spielen. Am liebsten wäre mir „Malefiz“ gewesen, aber wie es der Zufall wollte, hatten wir statt der "Super-Premium-100-Teile-Spielesammlung" lieber Zeltteile und Kleidung eingepackt. Daher beschlossen wir, das Spiel einfach nachzubasteln: Das Spielbrett malten wir auf ein weißes Blatt Papier und als Figuren sollten handelsübliche Tintenpatronen dienen. Fehlte nur noch ein vollwertiger Würfelersatz … Was die moderne Frau von heute natürlich stets bei sich trägt, führten auch wir mit: Tampons. Also zweckentfremdeten wir sechs dieser Teile und beschrifteten deren Hüllen mit den Zahlen 1 bis 6. Unser Würfelbecher war in Wahrheit bloß ein tiefer Plasteteller, in den wir die Würfeltampons legten. "Gewürfelt" wurde dann mit geschlossenen Augen. Ich war so begeistert von unserer exklusiven Spieledition, dass ich Gea über die restlichen Reisetage hinweg immer wieder dazu ermunterte, es zu spielen. | ||
![]() An ihn denken, hilft. |
Während einer dieser Spielrunden fing Gea plötzlich an zu lachen. Sie rollte sich laut kichernd über ihren Schlafsack und stieß ein kurzes „Baywatch!“ hervor. Ich hatte natürlich keinen Schimmer, von was sie da grade faselte und gab ihr das auch sogleich zu verstehen. Als nächstes folgte ein „Mitch … Mitch Buchanan!“, was ich wiederum mit „Wat is denn mit dem?“ quittierte. Also kramte Gea mit Tränen in den Augen den "Lonely Planet" hervor und zeigte mir wieder die Straßenkarte: „Bju-cän-än Street!“ Nun konnte auch bei mir endlich der Groschen fallen und die beinahe hysterische Belustigung an unserer Blödheit sollte uns auch an den folgenden Tagen immer wieder überkommen. Da kann man mal sehen, was man auf Low-Budget-Reisen so alles (kennen-)lernt: das fachmännische Anfertigen von Do-it-yourself-Spielen, das Aussprechen von Namen, die man eigentlich schon seit dem 12. Lebensjahr kennt, die herzliche Freundlichkeit von Obdachlosen in frühen Morgenstunden und das tiefe Gefühl von grenzenlosem Hass Städten gegenüber. |
– conny – |
|
(Januar 2008) |