In Sachen Schreikrampf In jedem von uns steckt ein echter Schisser und wer behauptet, über keine wie auch immer geartete Achillesferse zu verfügen, der lügt. Natürlich will sich keiner freiwillig die Blöße geben und seine Schwachstelle ohne Umschweife verkünden. Über derlei delikate Dinge spricht man nur mit seinen engsten Vertrauten. Manchmal geht es dabei um ganz simple Ängste wie den Weiterbestand der aktuellen Beziehung oder die Sorge um den Arbeitsplatzerhalt. Aber das ist eigentlich nur Standardgrübelei, die jeder von uns kennt. | ||
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Dass es aber auch wesentlich interessanter zugehen kann, beweist das Googeln mit dem schlichten Wort „Phobie“. Nur ein paar Nanosekunden nach dem Eingeben erhält man alphabetische Listen, die einen zwangsläufig ins Staunen und Lachen versetzen. Der homo sapiens des 21. Jahrhunderts gerät mitunter durch die verrücktesten Kleinigkeiten in akute Panikanfälle. Während es sich unser genetischer Ahne „Adam“ in seiner Fellkutte höchstens erlauben konnte, Todesängste vor einem Säbelzahntiger zu haben, ist es doch für unsereins keine große Sache mehr, schon beim Anblick eines herumliegenden Haarknäuels in Hysterie zu verfallen. Aber auch ich gehöre zu eben diesen Panikern. Mein ganz persönliches „Gebrechen“ lässt sich in den Listen ohne größere Probleme ausfindig machen. Aber ich sollte diese Geschichte besser von Anfang an erzählen … | |
| Macht gute Miene zum bösen Spiel: Ein Clown mit Kinder-Regenjacken-Phobie. | ||
Als ich etwa 17 Jahre alt war, blätterte ich eines Tages in einer Frauenzeitschrift meiner älteren Schwester und stolperte dabei über einen extrem kurzen Text, dessen Hauptaussage in etwa so lautete: „Johnny Depp wird wohl nie mit seiner kleinen Tochter Lily Rose in den Zirkus gehen, weil er Angst vor Clowns hat.“ Dieser Satz verursachte umgehend eine hochgezogene linke Augenbraue in meiner Gesichtsregion und ließ mich mit dem Vorsatz zurück, so bald wie irgend möglich mehr über diese Art von Furcht in Erfahrung zu bringen. Gesagt, getan. Der Fachbegriff dafür lautet „Coulrophobie“. Nun konnte ich nach all den Jahren der sowohl heimlichen als auch direkten Abneigung Clowns gegenüber das Kind beim Namen nennen. Ab sofort war es mir mit Hilfe dieses medizinisch-kühl klingenden Wortes möglich, mich zu outen und offen zu meinem Bedürfnis zu stehen, jedes Clown-artige Wesen in meiner unmittelbaren Nähe brutal umbringen zu wollen. Natürlich sollte die beiläufige Anmerkung „Johnny Depp leidet übrigens auch darunter!“ dem Ganzen noch etwas Coolness verleihen und abschwächend auf jedes aufkommende Unverständnis wirken. Ganz im Sinne von: Wenn selbst ein gestandener Kerl wie er kreischend vor einem Clown wegrennen darf, dann sollte unsere liebe, unschuldige und offensichtlich leicht behämmerte Conny das erst recht dürfen!* | ||
Wobei es bei mir allerdings gar nicht ums Kreischen und Wegrennen geht – Angst ist es daher also nicht –, sondern um Hass, welcher sich wiederum in bösartigster Aggressivität manifestiert. Hier mal zur Verdeutlichung ein Beispiel: In der 8. oder 9. Klasse wurden wir von unserer Klassenlehrerin dazu genötigt, einen Tag im Berliner „Spreepark“ zu verbringen. Dieser sollte wohl eine Art Freizeitpark darstellen, war in Wahrheit aber so aufregend und abwechslungsreich wie ein sonntägliches Kaffeetrinken bei Oma Trautwald. Gea und ich trotteten also gelangweilt die schmalen Betonwege entlang und gaben uns genüsslich dem Verachten aller spaßhabenden Mitschüler hin, als ich in der Ferne wieder einen Clown mit Luftballons in der Hand auftauchen sah. Bislang war es mir gelungen, diesen Freaks erfolgreich aus dem Weg zu gehen. Aber dieses Mal wollte sich „Beppo“ wohl nicht entmutigen lassen und startete einen Frontalangriff auf uns. In meinen Augen war er lebensmüde. Es waren noch gut 25 Meter zwischen uns und doch war es höchste Zeit, seinen naiven Enthusiasmus zu bremsen und seinen Hintern in die Realität zurück zu katapultieren. Also blieb ich stehen, hielt ihm meine rechte Hand abweisend entgegen und rief in scharfem Ton: „Ich kann dir nur raten, nicht in meine Nähe zu kommen. Ich hasse Clowns! Statt näher zu kommen, solltest du lieber verschwinden. Ich mein’s ernst!“ Der Gute verstand diese Warnung, nickte mir zu und drehte zügig ab. |
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| Das Grauen in all seiner Komplexität … | ||
Nur ein oder zwei Jahre zuvor hatte mir meine Mutter mal berichtet, dass sich der Clown vom damals bei uns gastierenden Zirkus letzte Nacht im Park mit einer Peitsche erhängt hatte. Mich brachte dies bloß zu einem nüchternen aber vielsagenden Kommentar: „Wundert mich ehrlich gesagt kein bisschen. Ich meine, der Typ war ein Clown …“
Wer nun aber denkt, ich hätte mit meiner Phobie den Vogel abgeschossen, der irrt sich gewaltig. Im Grunde kann ich mich noch glücklich schätzen, denn wie oft im Leben rennt man schon einem Clown in die Arme?! Viel schlimmer wäre doch das Leiden an Orthophobie, der Angst vor Eigentum, oder Gnosiophobie, der Angst vor Wissen! Damit wäre an dieser Stelle auch letztlich der Beweis erbracht, dass einige von uns tatsächlich dazu verdammt sind, dumm zu sterben. Dann doch lieber für ein paar Jährchen wegen Clownstötung hinter Gitter! * Für alle Anti-Clown-Sympathisanten hier noch eine gute Anlaufstelle: www.ihateclowns.com |
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– conny – |
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(April 2008) |
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