Persönlichkeitsanalyse im 21. Jahrhundert

Im letzten Jahr bekam ich den Link zu einem Online-Test mit dem viel versprechenden Titel Wie schmeckt ihre Persönlichkeit? zugeschickt. Und da man ja schließlich nie auslernt, habe ich ihn auch sogleich gemacht. Meine Wenigkeit schmeckt nach Mokka. Für einige von euch mag das nun keine große Überraschung darstellen, aber ich fand diese extrem wissenschaftliche Persönlichkeitsanalyse unglaublich faszinierend. Sternzeichen und Numerologiezahl sind Schnee von gestern – jetzt geht es um Geschmacksrichtung und Seelenfarbe!
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Gea und ich vor etlichen Jahren anfingen, uns mit Astrologie zu beschäftigen. Am Anfang stand die Erkenntnis, dass wir beide ja eigentlich beinahe das gleiche Sternzeichen gehabt hätten. Dies wiederum führte zur aktiven Analyse unserer astrologischen Unterschiede und zur Frage, ob wir diese nun bestätigen konnten oder nicht (was die Astrologie für uns zu Humbug gemacht hätte). Jede von uns hatte für sich ein kleines Astrobuch gekauft und beide wurden nun gemeinsam gelesen und kommentiert.
Gea:    „Boey! Hier steht, Skorpione seien ziemlich notgeil.“
Conny: „Und … bist du’s?“
Gea:    „Keine Ahnung, kann schon sein. Irgendwann mal vielleicht. Jetzt kann ich grad nichts
          dazu sagen.“
Conny: „Also über Notgeilheit steht bei mir hier nichts drin. Aber Waagen sollen ein ernsthaftes
          Problem mit Entscheidungen haben. Stimmt das etwa?“
Gea:    „Woher soll ich das denn wissen!?“
Conny: „Ach, lass uns erstmal weiter lesen …“
Mit der heimlichen Analyse potentieller Freunde erreichte unser Astrologie-Interesse dann seinen Höhepunkt. Natürlich mussten die genauen Daten so unauffällig wie möglich in Erfahrung gebracht werden. Noch heute läuft eine Frau Gefahr, von einem Mann schief angeguckt zu werden, sobald sie nach seinem Sternzeichen fragt. Das ist für ihn dann so als würde ihm Muttern bei einer Verabschiedung spontan eine selbstgebastelte Nudelkette um den Hals hängen, weil ihm das „bestimmt irgendwie Glück bringt“. Vor einigen Monaten habe ich übrigens das Sternzeichen eines Mannes herausgefunden, indem ich in einem unbeobachteten Moment in seinen herumliegenden Reisepass schmulte.
Wie schwer muss es darum jetzt erst recht werden, wenn es um komplexere Dinge wie innere Farben geht. Da so was noch nicht meldepflichtig ist, kann man leider auch nicht in irgendeinem Pass nachschauen. Man müsste sich wirklich hinstellen und sagen: „Basti, mach mal bitte diesen Test, damit ich endlich weiß, ob wir eine Zukunft haben oder nicht!“ Und Basti würde dann sicher die Augen verdrehen.
Aber lasst uns für den Augenblick optimistisch bleiben und voller Neugier mal schauen, zu welchen tiefschürfenden Erkenntnissen uns das www denn noch so verhelfen kann!

Kannst du Miniröcke tragen?
Eigentlich könnte man in so einem Zweifelsfall einfach eine vertraute Person wie die beste Freundin fragen und dann hätte sich das auch schon erledigt – aber warum es sich leicht machen, wenn es auch unnötig schwer geht?
Frage Nummer 13 lautet doch tatsächlich „Hast du viele Miniröcke?“ Wenn die Antwort ja ist, erübrigt sich dieser Test dann nicht für mich? Und wer macht sich überhaupt die Mühe, so einen – sagen wir – „interessanten“ Test zu erstellen? Ich wette, die Spur führt zur Schulbank einer Großstadthauptschule, wo JoAnn und Ricky-Victorya nebeneinander sitzen und sich freundlicherweise während der Mathestunde Zeit dafür genommen haben.
Eine andere Quizfrage lautet „Weißt du, was im Moment angesagt ist?“ Warte, ich hab’s gleich! Ich lese zwar nicht die „Vogue“, aber ich wette, im Moment sind Miniröcke in Zeltgröße modern, weil einige chicks so blöde waren und diesen Test nicht gemacht haben oder das Ergebnis einfach ignorierten!

Wie ähnlich bist du einem Zombie?
Mal ehrlich, haben wir uns das nicht alle schon mal im Geheimen gefragt? Natürlich werdet ihr das jetzt allesamt verneinen und mir den Vogel zeigen. Aber gebt es nur zu: Nachts, wenn der Lebensabschnittsgefährte im Bett weggedöst ist, schleicht ihr mit eurem Lap in den Keller und macht – WLan sei Dank! – im schummrigen Halblicht genau diesen Test!

Bist du katzenvernarrt?
Was für Fragen da wohl kämen? Bestimmt so was à la „Ist eine deiner 314 Katzen mittlerweile an deiner Schulter angewachsen?“ oder „Leidest du lieber unter deiner schrecklichen Tierhaarallergie als ‚Blacky’, ‚Tiger’ und ‚Rochelle’ abzugeben?“ Bei der Gelegenheit stellt sich mir auch die Frage, warum es eigentlich keine Anti-Tests gibt: Bist du nicht katzenvernarrt? Als allererste Frage würde sich dann ein lockerflockiges „Bist du so egoistisch und fies, dass dir rein gar nichts an süßen kleinen Katzen liegt?“ anbieten. Weitere Tests der Anti-Reihe könnten dann noch sein: Warum bist du eigentlich nicht schwul? und Hättest du George W. Bush nicht nicht gewählt?

Bist du ein/e Zuhälter/Prostituierte?
Dieser Test bräuchte doch eigentlich nur eine einzige Frage: „Bietest du während deiner Arbeitszeit gegen Geld sexuelle Dienste an bzw. besteht deine tägliche Arbeit darin, Prostituierten ihr Geld abzuknöpfen, indem du dich zu ihrem Zuhälter erklärst?“ Die Antwort lautet nein? – Tja, dann bist du wohl ganz offensichtlich noch Lichtjahre von einer Karriere als Prostituierte/Zuhälter entfernt!

Bist du verliebt?
Vorbei scheinen sie zu sein, die guten alten Zeiten als der berühmteste aller Fragebogen aus dem einfachen Satz „Willst du mit mir gehen?“ bestand. Damals wurden die Antworten vom aufmerksamen Fragesteller sogar vorgegeben. Neben dem obligatorischen „Ja“ und „Nein“ stand auch ein „Vielleicht“ zur Verfügung. Als entscheidungsfeige Waagefrau sollte man meinen, ich würde beim Anblick des „Vielleicht“-Angebotes erleichtert aufatmen, aber ich gestehe jetzt und hier, dass das absolut nicht der Fall ist. Diese Antwort macht nämlich überhaupt keinen Sinn, vor allem nicht bei einer offensichtlichen Ja/Nein-Frage! Sonst würde die dritte Antwortmöglichkeit ja auch öfter mal an erster oder zweiter Stelle stehen, oder? Man muss daher kein Diplom-Psychologe sein, um zu erkennen, dass es dem „Vielleicht“-Ankreuzer nur ums Hintertürchenaufhalten geht. Auf solche Kreuzchenmacher darf man sich gar nicht erst einlassen, denn egal was man für die auch macht, letztlich war man von Anfang an nur ein Beziehungsrestposten. Um diesen Text aber doch noch fröhlich enden zu lassen, hier noch schnell die originelle Antwort, die ein ehemaliger Klassenkamerad mal auf die Frage „Willst du mit mir gehen?“ gegeben hat: „Nein, ich bin Buskind!“


Asiens beliebtester Test: „Wie viel hast du mit einer
geschlechtsreifen Dreiecksameise gemeinsam?“

– conny –
(März 2008)

So wie JoAnn und Ricky-Victorya haben auch wir in unseren Schulbankzeiten aus Langeweile und/oder im Rahmen kritischer Weltbetrachtung eigene, hochqualitative Persönlichkeitstests entwickelt, die wir an dieser Stelle zur persönlichen Selbstreflektion zur Verfügung stellen.