Was zur Hölle ist "Stundern"?

Manchmal findet man einfach nicht die passenden Worte. In solchen Fällen kann man entweder resigniert schweigen oder man kreiert einfach das passende Wort. So geschehen im Kreativ-Hause Köller. Wir suchten nach einem griffigen Schlagwort für diese Text-Rubrik und hatten spontan zwei Ideen: "Wundern mit ..." und "Staunen mit ...". Man glaubt es kaum, aber es entbrannte eine minutenlange philosophische Diskussion über die Bedeutung und hier gegebene Zweckmäßigkeit der beiden Worte.
Staunen, so stellten wir erstaunt fest, "kann der Durchschnittsmensch in der Regel überall und jederzeit über alles und jeden. Die Grundlage eines jeden gelungenen Staunens bildet eine sehr spontane Konfrontation mit einer äußerst fragwürdigen Situation – oft gepaart mit augenblicklicher Erkenntnis des Sinnzusammenhangs (Oh-und-ah-Formel)."1
Fallbeispiel:
Mutti geht im Wald spazieren und wird mit einer Leiche konfrontiert. Zunächst registriert sie das ungewöhnliche Geschehen ("Oh"), kombiniert aber Sekunden später erfolgreich die Sachlage: "Ah, eine Leiche. (Dann ist ja gut.)"

Oh + Ah, eine Leiche = Oh, eine Leiche.
Mitunter kann man im Staunen auch ein bisschen über die Hintergründe nachdenken, wenngleich auch nur oberflächlich: "Wer hat die denn hier hinterlegt?"

Wundern dagegen beschreibt laut Fachliteratur "einen tieferschürfenden Auseinandersetzungsprozess mit dem außergewöhnlichen Sachverhalt."2 Man staunt nicht nur, sondern neigt zu pathologischem Nachdenken und entwickelt sogleich konkrete Fragen, die sich manch anderer vielleicht nicht gestellt hätte: "Ist das nicht meine alte Schulfreundin Hartlinde D. aus Hinterbuchsbach, geboren am 23.4.1942 in Vorderbuchsbach, Kreiskrankenhaus, Etage 2, Kreissaal A?"
Meistens verbringt der sich Wundernde längere Zeit mit Gedankengängen dieser Art. Nicht selten lässt er es dann andere wissen und bittet diese, ihm doch ein bisschen gedanklich auf die Sprünge zu helfen ("Ja, Schatz, das ist sie!").
Staunen oder Wundern – welches Wort trifft denn nun eher den Kern unserer Texte, in denen wir Geschichten aus unseren Leben fangfrisch wiedergeben? Es geht um Ereignisse, die uns nicht selten in Staunen oder Wundern versetzten. Und weil wir uns nicht entscheiden konnten, haben wir letztendlich beschlossen: Die Texte handeln vom "Stundern". Wenn Sie also staunen oder sich wundern, stundern sie (sich) nicht!
Viel Spaß beim Lesen!
Zwei echte Spaß-Bremsen auf jeder Stunder-Party: Herta und Adolf
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1 - Vgl. Köller, Constanze / Kowalick, Angela: Stundern für Anfänger. Ein Einführungskurs. Wandlitz 2010. S. 1ff.
2 - Vgl. Köller, Constanze / Kowalick, Angela: Wunder der Zeltwelt. Aus: Dies. (Hg.): Camper-Journal Nr. 1. Wandlitz 2009. S. 13.

– conny und gea –
(September 2007)