Miss Teapots et moi Im Alltag trifft man ab und zu auf Menschen, denen man lieber nicht begegnet wäre. Nein, ich rede hier jetzt nicht von der griesgrämig-arroganten Bankangestellten, der man allein schon dadurch zu nahe tritt, indem man freundlich lächelnd ihren Schalter ansteuert. Ich meine die Sorte Mensch, die einem wahrlich das Blut in den Adern gefrieren lässt und bei deren Anblick man immer und immer wieder erschaudern muss. Nicht selten können wir nicht einmal sagen, was genau wir an dieser Person so schrecklich finden („Also irgendwie kann ich mit der/dem nicht.“). Natürlich nehmen wir uns dann aber trotzdem vor, nett und zuvorkommend zu sein, denn tief in unserem Innern wollen wir ja den Gutmenschen siegen lassen. Bislang bin ich in der glücklichen Lage gewesen, diese negativen Erfahrungen erfolgreich verdrängen zu können. Menschen kommen, Menschen gehen – und wenn sich vor allem die anstrengenden wieder aus meinem Leben verkrümeln, freue ich mich sehr darüber. Nur einen Menschen konnte ich bis zum heutigen Tage nicht aus meiner Erinnerung eliminieren. Da ich ihren Namen nie erfahren habe, musste ich kurzerhand einen erfinden. Dieser ergab sich in einem der vielen Kurse, die ich zusammen mit ihr besuchte. Ich saß mal wieder ein paar Reihen hinter ihr, starrte regelmäßig auf ihren bulligen Rücken, erschauderte beim Vernehmen ihrer Stimme und dachte plötzlich Boah, was für eine Teapots! Für die Dauer einiger Sekunden fand ich die Bezeichnung „Teapots“ etwas übertrieben, aber dann machte es trotzdem unendlich viel Sinn. Mittlerweile hat sie sich sogar in meinem Freundeskreis etabliert. Doch was zeichnet eine wahre Teapots überhaupt aus? Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Sie steht symbolisch für alles, was ich nicht bin und hoffentlich auch nie sein werde. Mein persönlicher Prototyp hatte eine geradezu brutale Ausstrahlung, die aus folgender tödlicher 3er-Kombination bestand: grenzenlose Hilfsbereitschaft, Non-Stop-Fröhlichkeit und selbstsichere Über-Kompetenz in allen Lebenslagen. Nehmen wir zur Verdeutlichung mein absolutes Lieblingsbeispiel: Einer unserer Kurse begann um neun Uhr morgens. Für mich hieß das um sieben Uhr aufstehen und im Dunkeln losfahren, um dann frierend vor dem Seminarhaus auf die Dozentin zu warten. Wer mich kennt, weiß, dass mich so was auf die Dauer total ankotzt. Auf die Spitze getrieben wurde das Ganze aber durch Miss Teapots, die wirklich jeden verdammten Morgen überfröhlich ankam und ihren Mädels ein „Was für ein schöner Tag!“ entgegenjauchzte. Meinen vor Wut und Verachtung geschürzten Mund konnte sie Gott sei Dank nicht bemerken, da ich aus Erfrierungstod abwehrenden Gründen das halbe Gesicht in meinen Schal eingewickelt hatte. Eines Morgens war es so unerträglich mit ihr, dass ich einem meiner Freunde eine Handynachricht schickte, deren Wortlaut in etwa so ging: „Jeder, der um 9 h morgens unnatürlich frohgelaunt ist, sollte mit Rektalstromschlägen bestraft werden! Gruß, C.“ Ein anderer Grund für unsere nicht-existente Freundschaft war ihr „Schwarze Kleidung plus Goldkreuzkettchen“-Look. Da treffen nämlich genau zwei Dinge zusammen auf die ich absolut keinen Bock habe. Nun gut, die Kombi „Clownskostüm und Chihuahua in Schweißfängerhandtasche“ wäre für mich auch nicht viel erträglicher, aber visuelle Grausamkeit kann bekanntlich viele Gesichter haben. | ||
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Das Schlimmste an meiner Miss Teapots war aber – und das werde ich ihr niemals verzeihen! –, dass sie mich zu mehr als fragwürdigen Überlegungen gebracht hat. Warte mal, vielleicht ist das genau der Typ Frau auf den Männer stehen! Und damit wurde ein lawinenartiger Gedankengang losgelöst, der noch immer seinesgleichen sucht: Hat sie etwa einen Freund … oder gar Verlobten? Kein Ring. Das beweist gar nichts! Bestimmt hat sie schon Kinder – warum habe ich dann noch keine?!?! Es gibt keinen Gott! … Auf dieser Ebene konnte meine abgrundtiefe Abneigung ihr gegenüber natürlich nur noch umso üppiger wachsen und gedeihen. Das einzig Gute daran ist aber, dass ich mich trotz aller Vergleiche trotzdem mag. Ich muss nicht jeden Tag so tun als würde mir die Sonne aus dem Hintern scheinen, genauso wenig wie ich einen auf „perfekt“ machen muss. Wir alle kennen wohl Menschen, die ständig – bewusst oder unbewusst – mit anderen wetteifern und ja immer mithalten müssen. Oder noch besser: Den anderen am besten noch übertrumpfen! Mich ermüdet allein schon der Gedanke ans Wetteifern. Nun kann man mich der Faulheit bezichtigen oder mir einen Mangel an Ehrgeiz nachsagen, ich aber sage, dass ich meine Energie nicht mit solch sinnlosen Dingen verschwenden will und mich die Farbintensität des Grases im Garten meines Nachbarn noch nie interessiert hat. | |
| So selten fotografiert wie Big Foot – eine angehende Miss Teapots in ihrem natürlichen Lebensraum | ||
Zugegeben: Miss Teapots hatte mich wohl kalt erwischt, vermutlich weil sie ein besonders krasses Gegenbeispiel zu meiner eigenen Persönlichkeit darstellte. Aber unsere Gedanken beschäftigen sich eben vorzugsweise mit Dingen, die wir nicht gleich in unser persönliches (Werte-)System einordnen können und die wir darum erst einmal unters Mikroskop klatschen und auseinander nehmen müssen. Meine Miss Teapots habe ich jedenfalls so ordnungsgemäß und ausreichend untersucht wie es meine tiefe Abneigung ihr gegenüber zuließ. Und ja, ich kann mir gut vorstellen, dass hinter der Fassade bestehend aus unpassenden Hackenschuhen, Mutti-Art und schrillem „Hallöchen!“ eine großartige Frau mit komplexer Persönlichkeit steckt. Aber ich werde es nie erfahren. Ich werde auch nie wie sie sein, geschweige denn ihre Freundin werden. Bestimmt würde sie auch ungern so sein wollen wie ich. Und ich denke, das ist okay. |
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– conny – |
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(März 2008) |
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