Jingle trash, jingle trash. Jingle balls rock

Weihnachten steht vor der Tür und ich bin nicht bereit, aufzumachen – vor allem nicht, wenn sich das besagte Fest laut meines Kalenders zum jetzigen Zeitpunkt meiner Tür erst bis auf weniger als 50 m genähert haben darf.
In meiner Kindheit klappte das immer bestens, aber aus den guten alten Zeiten ist ein Jahresablauf der regelmäßigen Gesichtsentgleisung geworden. Weihnachten wird mittlerweile Anfang September eingeläutet, und sind die trotz Preisminderung unverkauften Weihnachtsmänner eben erst im Hinterhof entsorgt worden, schiebt der geschäftstüchtige Händler auch schon das Ostersortiment durch die Vordertüre. Der Verbraucher sieht sich dann mit Tonnen von Süßkram konfrontiert, mit denen er eigentlich noch gar nicht gerechnet hat. Die offensichtliche Frage lautet also: Wer kauft das – von traumatisierten Kriegsomas mal abgesehen?


Achtung: Kein Kinderspielzeug. Teile können verschluckt werden ...

Es beginnt immer mit den noch relativ harmlosen September-Lebkuchen. Einen Tag später werden die Pfeffernüsse angeliefert. Dann folgen Adventskalender. Nach und nach findet dann auch der restliche Weihnachtstand seinen Weg in die Supermarktregale: Deko-Spray, bunte Lichterschlangen, neueste Importe aus USA (Rentier-Schlitten beleuchtet, ohne Batterien), Porzellan-Weihnachtsfiguren, die jeden Gartenzwerg in den Schatten (der Lichterkette) stellen, sinnlose Tischdeko aus Tannzapfen (Bälle, etc.). Mein persönliches Highlight in diesem Jahr war aber ein Set mit Ausstechformen Made in China. Eine dieser Ausstechformen ließ mich ins Grübeln verfallen, da ich auf Teufel komm’ raus nicht zu erkennen vermochte, was das daraus resultierende Plätzchen am Ende darstellen sollte. Plötzlich kam mir dann aber doch die Erleuchtung: Was auf den ersten Blick aussah wie ein erigierter Krüppelpenis (siehe Phantomzeichnung) sollte in Wahrheit vermutlich eine Art Kerze sein.
Zum Glück kann man den angepriesenen Waren entgehen, indem man einfach zwei Monate lang so selten wie möglich Nahrungsmittel einkaufen geht. Bei einer weiteren Weihnachtsunart hat man aber leider gar keine Erfolgschancen auf Entkommen: Der festlichen Außendekoration der Eigenheime anderer. Mittlerweile kramt der deutsche Durchschnittsidiot seine liebevoll zusammengekaufte Trash-Deko bereits Ende November heraus und stellt, tackert, hängt und klemmt diese dann an jeden verfügbaren Quadratzentimeter. Als großes Vorbild dient ihm dazu – wie könnte es auch anders sein – der Amerikaner, der ja für seinen schlicht-eleganten Geschmack weltberühmt ist. Und seine Goldene Regel lautet: Je mehr, desto besser! Da es keine Worte gibt, um diese Prachtergebnisse würdig zu beschreiben, soll an dieser Stelle einfach auf das beigefügte Fotobeispiel verwiesen werden. Hier erlebt man nämlich Dekorationssadismus in Reinkultur …
Seien wir also mal so lebensmüde und werfen einen längeren Blick auf diese Kreation des Grauens. Das komplette Licht-, Sound-(!!!) und Farbensemble besticht sofort dermaßen, dass man gar nicht weiß, wen man zuerst verklagen soll: den Hersteller (Verstoß gegen international geltende Menschenrechte), den fehlgeleiteten Hobbydekorateur (grobe Provokation durch visuelle Beleidigung) oder die Nachbarn, die offensichtlich zu feige waren, mal rechtzeitig ein bisschen konstruktive Kritik zu artikulieren (Mittäterschaft).
Unbedingt muss hier erwähnt werden, dass es sich bei diesem Beispiel um ein Standbild handelt: In Wirklichkeit bewegt sich das ganze Ensemble. Die einzelnen Lichter blinken und irgendwoher aus diesem Lampenladen kommt eine leise Dauerschleife mit Weihnachtsmusik. Möglicherweise ist der nur aus einer Lampe bestehende Tannenbaum vorm Fenster ja auch gleichzeitig ein MP3-Player mit integrierten Lautsprechern?! Zudem lässt sich hier anschaulich zeigen, wieso der Weihnachtsmann total überbewertet wird: Zählen Sie doch mal, wie oft der einzigartige (!) Santa Claus in diesem Bild vorkommt! (PS: Er hängt übrigens auch beim nicht zu sehenden Nachbarhaus an der Dachrinne.)
In diesem Bildbeispiel fehlt übrigens – zu meinem eigenen Erstaunen – noch eine kuriose Beleuchtungsneuheit: eine quadratische Netzlichterkette bei der die einzelnen Lichter vollkommen symmetrisch angeordnet sind – das ergibt dann quasi den Putzlumpen unter den Lichterketten. Nun muss man nicht mehr die einzelnen Lichter anbringen, sondern braucht lediglich das Lichternetz über die Tanne zu werfen. Ist diese Tanne dann im Verhältnis zur Kette doch etwas zu groß ausgefallen, entsteht zusätzlich ein äußerst interessantes Detail: während die eine Seite lichtertechnisch perfekt eingedeckt ist und erstrahlt, bleibt die andere (dem Schlafzimmerfenster zugewendete Seite) dagegen leer und vor allem dunkel.
Vermutlich hätte ich diesen Supergau aber auch kommen sehen sollen. Mit Schrecken erinnere ich mich an den Tannenbaum meiner damaligen Kindheitsfreundin Clothilde*. Das war 1992. Die Wende war also schon abgeschlossen und der fleißig vor sich hin keimende Kommerz hatte bereits seine ersten zarten Ableger gebildet. In diesem konkreten Fall offenbarte derselbige seine hässliche Fratze in Form einer circa 1 m großen Plastiktanne, die völlig weiß war (zugeschneit halt) und wie ein Regenschirm aufgespannt wurde. Um die Illusion einer echten Tanne perfekt zu machen, verströmte ein verstecktes Schälchen mit Duftöl eine Prise Tannenwald. Clothildes* Familie war sichtlich stolz auf ihre subtile Baumattrappe, denn nun konnte man jedes Jahr ordentlich Kohle sparen und musste sich nicht mehr so lange mit dem Dekorieren herumärgern. Toll! Ich weiß jedenfalls noch, wie ich mit offenem Mund diesen leider viel zu real gewordenen Weihnachtsmindfuck anglotzte und dachte: „Gott, lass nie zu, dass sich meine Eltern so etwas Hässliches ins Haus holen!“ Zur Sicherheit tüftelte ich aber sofort einen Masterplan für den Notfall aus. Dieser bestand dann im Groben aus kindlichem Psychoterror und böswilliger Sabotage.



Wie heißt es doch so schön in der Wandlitzer Kirche:
"Weihnachten ist unverwüstlich!"
Der Kopf der ganzen Showse offenbar nicht.
Vor kurzem habe ich übrigens in der Zeitung gelesen, dass in China einige Fabriken aufgrund von Schadstoffen in den Materialien dicht gemacht wurden. Ich möchte an dieser Stelle fragen: Warum zum Henker hat vorher noch nie einer von „Amnesty International“ an die Türen dieser chinesischen Trash-Fabriken geklopft, die Maschinen angehalten und „Leute, dieser Billigtand ist echt Scheiße!“ verkündet? Denn dann wäre uns so mancher Augentumor erspart geblieben!

* Name offensichtlich geändert
– conny (Zusatzkommentare: gea) –
(Dezember 2007)