Alles zu seiner Zeit

Eine gute Freundin sagte neulich zu mir: "Die Themen in unserem Leben kommen immer wieder auf uns zu. Und wir können uns immer wieder neu entscheiden, ob wir sie annehmen oder ablehnen. Immer wieder steht man vor einer bestimmten Situation und hat die Gelegenheit, etwas über das Leben oder sich selbst zu lernen, zu begreifen. Man kann dieser Situation auch immer wieder ausweichen und sich immer wieder entscheiden, sich jetzt nicht damit auseinander setzen zu wollen. Diese bestimmte Sache nicht verstehen zu wollen. Aber das Thema begegnet einem so oft, bis man es endlich bearbeitet."
Ein Beispiel: Schon so oft habe ich genau darüber nachgedacht, dass ich gerne einen Text schreiben würde, wie diesen hier. Eine kurze Abhandlung, die sich schnell liest und die hoffentlich einigen Menschen Anregungen gibt oder sie ermutigt, sich ihrer jeweiligen Themen bewusst zu werden und anzunehmen. Offen gesagt, mir fehlte die Plattform. Ich wusste nicht, wo ich mit dem Text hätte hingehen sollen. An eine Zeitung oder Zeitschrift senden? An welche denn? Soll ich etwa eine passende suchen? Ich hätte auch ein Buch schreiben können. Aber wollte ich mir die Mühe machen? Wer würde das lesen wollen?
Und so blieb es bei der Idee und der Text wurde nicht einmal begonnen. Bis jetzt. Heute, beim Spaziergang mit meiner alten Hundedame, kam der Gedanke über einige Umwege wieder zurück zu mir. Er stellte sich mir in den Weg und ich hatte zum wiederholten Male die Gelegenheit, ihn wegzustoßen, abzutun. Aber auch die Gelegenheit, ihn zu greifen und umzusetzen. Mittlerweile gibt es schließlich diese Homepage und ich kann hier schreiben, was ich will. Wieso nicht diesen Text? Auch wenn er nicht unbedingt mit "Lachkrampf" zu tun hat. Aber in jedem Fall, kann ich so Menschen ansprechen.
Aber nicht nur die Idee einen Text wie diesen hier zu schreiben, kommt immer wieder. Auch andere Themen stellen sich einem doch ständig in den Weg. Aber alles hat seine Zeit und es ist ja gerade so beruhigend, dass man sich selbst aussuchen kann, wann man sich einer Sache widmet, und dass es wirklich nie zu spät ist. Zwei Sprichwörter gehen mir dazu durch den Kopf.
Mir ging es schon sehr oft bei Büchern und Filmen so. Da bekommt man ein Buch geschenkt, freut sich ehrlich darüber, aber man liest es Ewigkeiten nicht. Man sieht es immer wieder in der Ecke liegen oder im Regal stehen. Und vielleicht liest man auch mehrmals die erste Seite und bricht dann doch wieder ab. Weil irgendwas anderes dazwischen kommt oder man gerade keine Zeit oder keine Nerven dafür hat.
Aber irgendwann geschieht es dann doch: Man beginnt wieder einmal, es zu lesen. Leicht ernüchtert vielleicht, weil man es ja schon so oft versucht hat. Und in der Erwartung, es wieder abzubrechen. Aber dieses Mal ergreift es einen voll und ganz. Man findet sich selbst darin, die eigene aktuelle Lebenssituation. Und man kann gar nicht aufhören, zu lesen und verschlingt das Buch schneller als man je ein anderes gelesen hat. Man kann es kaum erwarten, Freunde und Verwandte an der Euphorie, die einen befällt, teilhaben zu lassen. Wie sehr wünscht man sich, die anderen würden das Buch ebenso kennen und schätzen wie man selbst.
Doch hier schließt sich der Kreis. Nicht jeder, dem man das Buch empfiehlt, wird es gleich lesen. Einige werden es kennen, werden sich an die eigene Euphorie erinnern. Andere werden noch sehr oft auf das Buch im Regal stoßen, bevor sie sich des Themas annehmen können. Manche werde es vielleicht nie lesen, weil es ihnen nicht weiterhelfen würde in ihren Leben.
Man kann sich einer Sache erst öffnen, wenn man den richtigen Punkt im eigenen Leben erreicht hat. Dann erst kann man es wirklich verstehen. Viele Bücher beispielsweise werden einem in der Schulzeit aufgezwungen, aber man begreift erst Jahre später, warum der Lehrer sie ausgewählt hat. Er hatte den Punkt des Verstehens schon erreicht und hoffte auf die Euphorie der Schüler. Oft verstehen sie ihn nicht. Aber das schöne daran ist, dass es vielleicht irgendwann soweit ist.

Wer diesen Text jetzt gelesen hat, wird sicher verstehen, was ich sagen will. Wer ihn unterwegs abgebrochen hat, kommt vielleicht eines Tages darauf zurück. So wie mit Büchern, ist es auch mit Filmen, mit Reisen, mit zwischenmenschlichen Gesprächen. Ob man von Ängsten geprägt ist oder von Vorurteilen, was immer einen davon abhält, sich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Man sollte sich bei jeder Gelegenheit fragen, ob es nicht doch schon an der Zeit ist dafür. Vielleicht ist die Antwort ein Ja. Und vielleicht wird man am Ende ganz euphorisch sein.
– gea –
(September 2007)