Zweifeln für Fortgeschrittene

Letzten Freitag hat es wieder einmal kLiCk bei mir gemacht.
Die ersten Wochen dieses Jahres sind für mich sowohl geistig als auch körperlich ziemlich stressig gewesen und jedes Mal, wenn ich mich durch so eine Lebensphase wieseln muss, sage ich mir: „Wenn du diese Zeit erfolgreich hinter dich bringst, gönnst du dir als Belohnung was Schönes!“ Dabei geben mir schon die trivialsten Lichtblicke genügend Kraft zum Durchhalten.
Am besagten Freitag war es dann also soweit und ich stand in einem Berliner Buchladen und hielt zum wiederholten Male ein seitenreiches Buch über die Geschichte Preußens in den Händen. Knapp 20 Euronen hätte mich diese kritikgelobte Anschaffung gekostet. Ein Großteil meiner inneren Stimme forderte kontinuierlich „Kauf es, verdammt noch mal, kauf es endlich!“ Doch ich rührte mich nicht vom Fleck und tat stattdessen, was jede bodenständige Waagefrau in solchen Situationen zu tun pflegt: Ich wog das Pro und Kontra des Erwerbes ab. Wie dringend wollte ich das Buch, wie viel echten Nutzen würde es mir schließlich bringen, war das Buch wirklich den geforderten Betrag wert und wäre das Ausleihen aus einer Bibliothek nicht zweckmäßiger?

Wer sie nicht hat, kann wenigstens nach ihr müffeln.
So eine Analyse dauert natürlich seine Zeit. Früher hätte ich das nicht gemacht. Als Teenager las ich lediglich die positiven Kritiken des Musikmagazins meines Vertrauens und kaufte die CDs bei nächstbester Gelegenheit. Ich hatte zwar nur durchschnittliche Ahnung in Sachen guter Musik, aber hey … ich war die Erste, die wusste, wie großartig das neue „Descendents“-Album war! Nach gut zwei Jahren wusste ich dann tatsächlich, wo ich musikalisch stand. Mein erster selbstverdienter Schulterklopfer war der Kauf von Tori Amos’ „Little Earthquakes“-Album während der Osterferien im Jahre 1997 - zum Preis von unwürdigen 19,99 DM (quasi das Schnäppchenpreis-Pendant zu 8,99 €). Übrigens zeigt sich an diesem Beispiel auch, wie wahr doch die alte Binsenweisheit „Gut Ding will Weile haben“ ist.
Das Buch habe ich jedenfalls nicht gekauft. Wieder nicht – obwohl die meisten Testantworten positiv ausfielen und ich den Betrag auch hätte erübrigen können. Bei „Saturn“ verbrachte ich dann noch mal einige Zeit mit Rumgucken und Abwägen. Auch da entschied ich mich gegen das reichliche Angebot post-absolvierter Belohnungen und fühlte mich sonderbarerweise nicht einmal schlecht über mein selbstverschuldetes Leerausgehen.
Am Abend unterhielt ich mich dann mit meinem Vater in der Wohnstube. Als er dabei sein aktuelles Lesebuch auf den Tisch legte, sprang mir sofort das Cover ins Auge --- „Ist das etwa deins?“ – „Ja, hat mir ein Bekannter geschenkt.“

Und was lernen wir daraus? Erstmal natürlich, dass ich ordentlich Kohle gespart habe (eine Erkenntnis, die uns alle fröhlich zu stimmen vermag). Und natürlich, dass die innere Stimme über jeden Zweifel erhaben ist. Zweifel kann man mit etwas Geschick „entzweifeln“, aber das letzte Wort sollte man der lautlosen Zweitstimme überlassen, denn die weiß ganz offenbar Dinge, die uns selbst nicht (mehr) bewusst sind. Vielleicht hatte ich das Buch bei meinem Vater auch schon im Bücherschrank flüchtig wahrgenommen, seine Existenz dann aber doch erfolgreich verdrängt.
Eine etwas weniger klischeehafte Bezeichnung für „innere Stimme“ lautet Intuition. Mit den Jahren habe ich meine Gott sei Dank verfeinern können. Mit Schrecken erinnere ich mich an mein unverzeihliches Versagen, einigen Straßenstandverkäufern nicht rechtzeitig Einhalt geboten zu haben. Um sich aus diesem Mist wieder herauswurschteln zu können, brauchte es jedes Mal etliches an Papierkram.
Der moderne Straßenstand bietet für jeden Geschmack das Richtige.
Aber so ist es eben: In der verbalen Arena des Erfolges gewinnt immer derjenige, der seinen Gegner ins Koma sülzen kann – oder, ganz Hasenfuß, die Flucht antritt, bevor ihm Schlimmeres passieren kann. Und ich sage euch, die Bauernfänger der verkehrsberuhigten Zone hatten Vorbereitungskurse mit Themenbereichen wie „Strahle nach außen wie ein Atomkraftwerk“ und „Laber’ dich zur Unterschrift“ … Diese Hascherl sind nicht unschuldiger als die „Zeugen Jehovas“ und könnten bestimmt nach einem kleinen Zusatzkurs auch noch Gefriertruhen an die Inuit verschachern. Was also tun? Vertraut immer eurem im Innern verhallenden Schrei und zieht zügig weiter.
Ganz ehrlich, es fühlt sich verdammt gut an, wenn man sich selbst ein bisschen mehr ver- & zutraut und am Ende ein bestätigendes Ergebnis bestaunen kann.
Und sei es die Ersparnis von 20 Euronen.
– conny –
(Februar 2009)